Lee Friedlander

Chicago 1966

Auf den ersten Blick wirken die meisten Bilder von Lee Friedlander wie die mißlungenen Schnappschüsse eines Anfängers. Seine Fotos zeigen scheinbar wahllose Ausschnitte aus Straßenszenen, die jedoch dem Betrachter Einzelheiten vor Augen führen, die er sonst vielleicht nicht bemerken würde. Man könnte Friedlander beinahe den Fotografen des Belanglosen nennen, denn die Motive seiner Fotos würden keinen anderen Fotografen die Kamera zücken lassen. Friedlanders Thema sind die Stadt und ihre Menschen. Er fotografiert mit einer Sucherkamera und einem Minimum an Zubehör; da er gerne nahe herangeht, arbeitet er nur mit drei kurzbrennweitigen Objektiven - 28 mm, 35 mm und 50 mm.

Er vesteht sich wie Cartier-Bresson als Beobachter, der seine Kamera dazu benutzt, bestimmte Augenblicke im Bild festzuhalten. Aber während es Cartier-Bresson um den "entscheidenden Augenblick" geht, in dem Motiv und Komposition ihre größte Ausdruckskraft erreichen, interessiert sich Friedlander mehr für zufällige Augenblicke im täglichen Leben.

Obwohl Friedlander behauptet, daß er seine Bilder nicht im voraus plant, und seine Fotos auch tatsächlich wie aus Versehen entstanden wirken, sind sie doch sehr bewußt aufgebaut. Allerdings stellen sie die herkömmlichen Gestaltungselemente meist auf den Kopf. Sie haben oft keinen Schwerpunkt und sind meist mit verwirrenden Elementen vollgestopft. Die Menschen sind meist entpersönlicht - sie werden von hinten gezeigt, durch Straßenlampen oder andere Gegenstände verdeckt oder durch den Bildrand beschnitten.

Wenn man Friedlanders Bilder sieht, fragt man sich unwillkürlich, ob nicht die sorgsam komponierten, thematisch eindeutigen Fotos ein bißchen gekünstelt oder unwirklich sind, ob Wahllosigkeit und Fragmentierung das Stadtleben nicht besser wiedergeben.

Abbildungen: oben Chicago 1966 und
unten: Connecticut 1973

 zurück